10 Jahre Klimacamp im Rheinland

10 Jahre Klimacamp im Rheinland

persönliche Impressionen aus diesem Jahr
& ein gemeinsamer Blick auf die letzten 10 Jahre

Das Klimacamp im Rheinland ist immer wieder ein Ort der Vernetzung, des Skillsharings (d.h. von einander lernen) und es bietet Raum für Massen-, aber auch Kleingruppenaktionen, die sich für Klimagerechtigkeit und ein emanzipatorisches Miteinander stark machen. Die letzten 10 Jahre waren spannende Jahre mit unterschiedlichsten Aktionsformen, Experimenten der Selbstorganisation, politischer Vernetzung und kritischer Bildungsarbeit. Robin Wood war mit Gruppen und Einzelpersonen immer wieder vor Ort, um einen aktiven Beitrag für die Umwelt zu leisten. In diesem Jahr fand das Klimacamp vom 15.-27. August wieder in Erkelenz statt. In diesem Artikel geben wir nun einen kleinen Einblick, schildern persönliche Impressionen von diesem Jahr und erzählen von Highlights der letzten 10 Jahre Klimacamp im Rheinland. Power to the People!

2019: Alle Dörfer bleiben, 10 Jahres Party und Kohle ersetzen!

Der Bahnhof in Erkelenz ist ein kleiner Bahnhof an dem dieses Jahr auch wieder ca. 400 Aktivist*innen ankamen und per Anhalter oder zu Fuß ihren Weg weiter zum Lahey-Park suchten, um dort auf dem Camp-Gelände ihre Zelte aufzubauen. Ich war einer dieser Menschen und war entsprechend sehr gespannt auf die gemeinsame Zeit vor Ort. Als ich nach einer langen Zugreise endlich ankam, waren bereits zahlreiche Workshopzelte, Relax- und Awarenesszelte, das bekannte Zirkus-Zelt und Komposttoiletten sowie allerhand Infrastruktur aufgebaut. Diese Selbstorganisation bringt mich zum Staunen! Die Stromcrew versorgte das Kulturprogramm mit sauberen Ökostrom und so füllte schöne Musik die abendliche Luft. Die Sonne war am untergehen und leuchtete vom Feinstaub, der durch den Kohleabbau bestand, blutrot. Etwas paradox, dieser wunderschöne Sonnenuntergang aufgrund einer umweltzerstörenden Katastrophe, die hier vor sich ging. Kann ich es überhaupt genießen, wenn ich die Hintergründe kenn?

Erstmal ankommen, Zelt aufbauen und Essen suchen! Auch zu später Stunde war noch eine leckere Mahlzeit übrig, die zuvor in kollektiver Atmosphäre gekocht wurde. Am Crêpes-Stand traf ich einige, die bereits schon eine Woche hier waren und über aktuelle politische Geschehnisse diskutierten. Das Klimacamp hat einen sehr friedlichen und lebendigen Charakter und manche hier sehen es auch als politisches Festival. Ein Festival, auf dem Menschen sich vernetzen und für eine bessere Zukunft kämpfen. Nicht nur der Erfolg von Fridays for Future ist zu feiern, sondern auch das 10. Mal Klimacamp im Rheinland. Neben den Feierlichkeiten rief das Aktionsbündnis „Kohle Ersetzen“ zu Sitzblockaden auf und zahlreiche Workshops, spannende Impuls-Vorträge und ein buntes Kulturprogramm prägten das diesjährige Klimacamp. Sicherlich wurden auch Pläne für das nächste Jahr geschmiedet, aber wer das wissen möchte, sollte nächstes Jahr einfach dazu kommen!

Auf dem Camp wurden dieses Jahr die letzten 10 Jahre Klimacamp in kreativster Weise vorgestellt, die Entwicklungsgeschichte in einer auch durchaus witzigen Weise präsentiert. Ich erinnere mich gern zurück und stelle hier die letzten 10 Jahre Klimacamp mal zusammengefasst vor:

2010: Mit dem Motto „Bildung, Vernetzung, Aktionen und Alternativen Leben“ wurde das Klimacamp 2010 im ersten Jahr von 100 Leuten besucht und war entsprechend noch recht klein. Es fanden aber bereits verschiedene Workshops statt, die im Programmheft des Camps beworben wurden. Dieses Heft wurde von einem Drucker gedruckt, dessen Stromversorgung durch „Fahrradfahren“ gewährleistet wurde. Der erste Fahrrad-Drucker entstand und weitere Experimente sollten in den kommenden Jahren folgen! In Borschemich gab es darüber hinaus auch ein Straßenfest und am Wasserturm gab es einen ersten Banner-Drop.

Im zweiten Jahr, 2011 waren es dann schon ein paar Leute mehr -120 Menschen bereiteten sich auf weitere Aktionsformen vor und so kam es in diesem Jahr zur ersten Schienenblockade der Kohlebahn. Eine Critical Mass versuchte im Vorfeld Leute zum Camp zu mobilisieren und ein gemeinsames Fußballspiel mit Anwohner*innen sollte auch hier eine Verbindung aufbauen, die für einen gemeinschaftlichen Widerstand auch in Zukunft durchaus wichtig ist.

Im dritten Jahr, 2012, entstand eine enge Bindung zwischen Klimacamp und Hambacher Forst. Dieses Jahr sollte auch wieder eine Schienenblockade stattfinden, diesmal aus dem Hambi heraus starten. Neben den Aktionen gab vier Tage lang ein ausgefeiltes Musikprogramm, um Menschen zu mobilisieren und Werbung für die kommenden Jahre zu machen. Das Klimacamp wollte wachsen, wollte größere Aktionen starten und die Waldbesetzung im Hambacher Forst sollte nun auch beginnen.

Im darauf folgenden vierten Jahr, 2013, sind dann 600 Aktivist*innen in Manheim zusammen gekommen. Die Camp-Fläche war zu klein, doch auch hier gab es kreative Lösungen, wie z.B. Hausbesetzungen, um Platz für Workshops zu haben. 15 Tage lang gab es hier Programm zusammen mit „Reclaim the Fields“. Auch die zuvor durchgeführte „Reclaim the Power Tour“ konnte für eine gute Mobilisierung und Entschlossenheit sorgen. Und wo viele Menschen zusammen kommen, entstehen gute Ideen. Dieses Jahr wurden zum ersten Mal Polizeiketten durchflossen, Personalausweise gar nicht erst mitgenommen und eine internationale Vernetzung angestrebt. Es ging natürlich auch hier wieder auf die Schienen der Kohlebahn.

Im fünften Jahr, 2014, war das Klimacamp Rheinland im Lahey-Park Erkelenz zu Gast und pflegte hier mit 300 Aktivist*innen einen engen Kontakt mit den Anwohner*innen der Region, aber auch der IG BCE (Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie). Was durchaus neu und spannend war, war der Durchbruch zur ersten Baggerbesetzung. Die großen Baggerschaufel blieben stehen, gute Pressefotos entstanden und der weiße Anzug als „Aktivisti-Kleidung“ wurde bekannt.

Die Bilder aus den vergangen Jahren lockten nun 2015 neue und weitere Leute an. 1.500 Aktivist*innen kamen zur Aktion von „Ende Gelände“. Im Rahmen der Degrowth Summerschool gab es im Vorfeld ein 4-tägiges Workshop-Programm und sicherlich sind noch weitere spannende Aktionen auf diesem Camp passiert.

2016 gab es schließlich Kleingruppenaktionen, aber auch die „Summerschool“ und „Skills for Systemchange“ konzipierten ein Workshop-Programm mit alternativen Diskussionsräumen für Fragen nach Klimawandel und Gerechtigkeit. Auch Aktivismus sollte geübt werden und so wurde in Immerath die alte Schule besetzt. In diesem Jahr ist aber auch etwas schief gegangen und war ziemlich zum kotzen: Der Novo-Virus gewann gegen die Hygiene und nockte zahlreiche Aktivist*innen aus. Nächstes Jahr wird’s hoffentlich wieder besser.

2017 hatten wir Zeit zum Lernen und entwickelten ein großes Hygiene-Konzept, damit niemand auf dem Camp krank wird. Und das war auch gut, denn es gab einen dicken Boom in der Mobilisierung und auf einmal waren 4.000 Leute da! Mit „Connecting Movement“, „Summerschool“ „Zucker im Tank“, „Rote Linie Aktion“, „Kohle ersetzen!“, „Ende Gelände“ und viele andere Aktionen ging das diesjährige Flächenkonzept des Klimacamps auf und die Infrastruktur des Kohleabbaus wurde lahmgelegt.

Beim 9. Klimacamp (2018) haben wir uns Zeit zum Reflektieren genommen: Im Rahmen der Strategiekonferenz gab es Zeit für Austausch über die politische Lage der Gesellschaft, sowie Zeit für eine strategische und inhaltliche Planung der Klimagerechtigkeitsbewegung. Unterschiedliche Gruppen sollten zusammengebracht werden und viele schrieben auch Strategiepapiere und berichteten von ihren Konzepten und Ideen. Großes Thema war natürlich auch die anstehende Räumung und Rodung des Hambis – aber auch der Handlungsmöglichkeiten, die wir uns überlegten. Für einige Schlagzeilen sorgte in diesem Jahr die Beschlagnahmung der „Garten Laube“. Diese wurde von der Polizei auf einer Autobahnraststätte sicher gestellt und steht wohl bis heute noch in der Asservatenkammer in Aachen.

Und nun sind wir wieder beim 10. Klimacamp im Jahr 2019 angekommen: Dieses war etwas ruhiger, denn es gab schon in vielen anderen Orten Camps oder wurde noch zu aufgerufen, wie z.B. die Aktion von „Free the Soil“ in Brunsbüttel. Vom 19-25. September organisierten sie eine Massenaktion zivilen Ungehorsams gegen das Düngemittelunternehmen YARA, sowie ein Agrar- und Klimagerechtigkeitscamp.

Die Bewegung wächst, wird auf verschiedenen Bereichen bedeutsamer und gewinnt hoffentlich auch in Zukunft mehr politischen Einfluss. Es liegt wohl an uns allen, aktiv für die Umwelt zu werden. Dies geht auf verschiedenen Weisen und ich werde mich nun nach einer schönen und aufregenden Woche Klimacamp im Rheinland wieder in den Zug setzen und zurück fahren, um aktiv im Feld der politischen Bildung zu wirken. Bildung ist für mich der Startpunk um Utopien zu leben, um Visionen zu spinnen und um eine Zukunft zu malen, die emanzipatorisch, gerecht und nachhaltig gestaltet ist. Auch du kannst ein Teil davon werden!

By 2020 we rise up!

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JannesUmlauf administrator

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